So seelenlos ist unsere Gesellschaft geworden / so oberflächlich

10. Februar 2022 Aus Von elsenorweb

Ich habe Corona und es ist niemand auf die Idee von meinen so genannten Freunden gekommen, mich zu fragen, ob ich etwas aus dem Supermarkt bräuchte. Niemand. Alle verdrücken sich auf das nötigste. Ich finde das zum Fremdschämen.

Ich finde es zum Fremdschämen in unserer Gesellschaft: „Ich habe Corona“. Erste Frage von anderen: „Wo hast du dich angesteckt?“ Indirekt, so interpretiere ich das, ein Vorwurf, nach dem Motto: „Du als 43 jähriger hast nicht genügend aufgepasst, hast deine Parties gefeiert“. Ein Arbeitskollege um die 60 hat mir unterstellt: „Ich hätte viele Hausbesuche gehabt und mich da angesteckt“.

Komisch früher bei einer Erkältung hat niemand die Frage gestellt: „Wo hast du dich angesteckt?“ Seit Corona möchte jeder das wissen.

Die erste Frage wäre: „Kann ich dir helfen?“, „Brauchst du Hilfe?“. Ich weiß, dass alle Menschen überhaupt keine Zeit haben und auch privat unter Dauerstress leiden.

Es muss sich niemand um mich betreuen.

Nicht einmal der Versuch gestern eines Arbeitskollegen, den ich nun einige Jahre kenne aus der früheren Firma, der in der Nachbarstadt wohnt, dass er mir Obst und Gemüse zu bringen, hat er nicht für ernst genommen. Er hat tierische Angst vor Corona, hat mich schon verurteilt bei meinem Tun, hat mich verurteilt, dass ich mir gestern über einen Lieferdienst Pommes / Fleisch bestellt habe, aber kein Angebot gemacht selbst aktiv zu werden.

Sorry, ich weiß nicht, wie die Menschen früher in der größten Not einander geholfen haben. Ich finde meine so genannten Freunde, nicht nur ihn, sondern die anderen auch, zum Fremdschämen oder ist das nur der typische Durchschnitt der Gesellschaft? Ich bin wirklich enttäuscht. Anscheinend ist der Einzelne, wenn er nicht berühmt ist, unwichtig. Anklagen kann man immer, aber selber aktiv werden, keine Spur oder auch nur, wenn es mal irgendwie noch mit den eigenen Interessen dient.

Ich weiß, ich könnte auch fragen, aber ich finde, es müsste von den Menschen selber kommen. Wenn ich hier sehe, wie sich meine Hausmitbewohner mit schweren Sachen sich abquälen und ich jedes Mal frage, ob ich die Sachen tragen könnte, werde ich abgewiesen.

Aber wahrscheinlich wird mir immer vorgeworfen, ich müsste erst einmal fragen. Ach so, damit die anderen Menschen selber nicht darauf kommen, in einer Blase leben?

Eigentlich müsste doch der „Klick“ kommen: „Der Sven ist Single, hat keinerlei Verwandtschaft, ob er mal Hilfe braucht?“ Keine Ahnung, vielleicht habe ich auch nur diese angeborene Denke.

Als damals ein Vereinskollege krank war, nein Corona gab es noch nicht, habe ich eine Karte erstellt, wir hatten alle unterschrieben und ich bin am Abend dann persönlich bei ihm vorbei gefahren und habe ihm die Karte überreicht. Er hatte sich tierisch gefreut. Ich sehe das strahlende Gesicht immer noch vor mir.

Ein Nachbar damals in Essen-Altendorf, der im Erdgeschoss wohnte, traf ich einmal beim nahegelegenden Plus (damals hieß es noch so), der schlecht zu Fuß war, dem habe ich seine Sachen bis nach Hause getragen und ihm vor die Haustür gestellt, damit er diese nicht schleppen musste. Er war sehr dankbar.

Wenn ich etwas von anderen höre, dass sie auch das Haus nicht verlassen dürfen, auch wegen Corona, ich glaube, ich wäre der erste, der fragen würde, ob ich helfen könnte. Ich weiß, das ist ein sehr blöder und sehr unsozialer Instinkt bei mir und passt eigentlich nicht in diese seelenlose Gesellschaft.

Jetzt wo ich nicht die Wohnung verlassen darf, und es viele aus meiner so genannten Freundschaft wissen, keine Handlung, keine Frage.

Aber wenn ich sage, ich möchte umziehen, dann wollten alle, dass ich hier bleibe. Aber sonst hatten sie noch nie Zeit für mich. Alles nur große Versprechungen und nichts dahinter. In der Regel war die Familie dran Schuld. „Ich habe Familie und dann muss alles andere liegen gelassen werden.“ So ist unsere Gesellschaft.

Und selbst wenn die Kollegen nicht meine Adresse haben, so können sie diese immer noch erfragen. Eigentlich peinlich. Früher in Nicht Internetzeiten kannte man alle Adressen oder ich hatte sie aufgeschrieben. Im Internetzeitalter trauen sich viele nicht einmal die Handynummer heraus zu geben, weil sie das als zu privat ansehen.

So sehr ich für die Digitalisierung bin, so sehr entfremden sich die Menschen von einander. Jeder lebt nur noch in seiner eigenen Blase. In LinkedIn geht es nur um Geschäftemacherei, tiefgründige Sachen werden dort auch nicht gelebt. In Instagram sowieso nicht, in Twitter wird man beleidigt. Früher war es doch besser in mancher Hinsicht, denn da wusste man nicht von der Meinung der anderen Menschen. Ich denke, dass sie auch so dachten wie heute, aber das wurde nicht so bekannt und vielleicht wurde das als angenehmer empfunden.

Auch wenn ich in der Branche arbeite und PC’s mag, aber um einen Computer, der kaputt geht, für den wird mehr Fürsorge betrieben als um einen Menschen.

Der Computer ist eine Maschine und ersetzbar, der Mensch nicht.