Wie krank ist unsere Gesellschaft wirklich?

3. November 2020 Aus Von elsenorweb

Ich habe mich heute Morgen über LinkedIn in einer Gruppe, wo es wirklich um nur die Optik von Bewerbungsunterlagen unterhalten.

Da fiel der Satz in einer meiner Beiträge: „Beim Bewerbungsfoto geht es um Details“.

Ich habe auch geschrieben: „Mit Verlaub, wie krank ist das denn?“.

Es ist total krank. Es ist eine total kranke Einstellung in unserer Zeit. Nur der ein wunderbares Foto hat, der wird auch eingeladen?

Wie auch in dieser Nacht geschehen. Da spaziert ein Java-Entwickler, der in den letzten 20 Jahren Top Mann ist durch Wien, wird in einem Terrorakt verwickelt, sein Gesicht hat dadurch Brandwunden, überlebt das ganze und sucht sich einen neuen Job und trotz modernster Chirurgie sieht man immer noch deutlich auch auf Fotos die Brandwunden. Wenn er Selbstbewusstsein hat, wird er da nichts retuschieren.

Das heißt, er wird trotz Top-Kenntnisse von den tollsten Arbeitgebern aussortiert, weil das Foto nicht so toll ist? Womöglich wird er aus Scham kein Foto beilegen und erst im Gespräch wird man ihm sehen.

Wird man ihm absagen, weil der Chef sagen wird: „Nee wir können keinen so zum Kunden schicken“. Wahrscheinlich wird man ihn aussortieren, mit anderen Ausreden.

Das heißt, der Experte, der am falschen Ort zur falschen Zeit ist, ist dann womöglich beruflich benachteiligt, weil unsere Gesellschaft nur nach der Oberfläche schaut.

Klar wird vielleicht doch eine Stelle finden, wo er dann die Firma ganz nach oben bringt mit seinen Ideen.

So ist aber unsere Gesellschaft geworden. Schauen wir mal Instagram an, schauen wir mittlerweile LinkedIn an und die ganzen anderen Netzwerke. Es geht nur noch um Oberflächlichkeit. Man muss nur sehr gut ausschauen, dann hat man den Job in den meisten Unternehmen. Das reicht.

Und dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir Leute einstellen, die sehr gut aussehen, aber nicht das bringen, was wir wollen, dass Deutschland als Industrienation speziell in der IT die unteren Plätze in irgendwelchen Rankings haben.

Menschen, die was auf dem Kasten haben, wandern aus. Die machen dieses oberflächlichere Theater in unseren deutschen Personalabteilungen nicht mit.

Hat Google die Schönsten oder die Klügsten eingestellt? Was ist mit Facebook, Microsoft, Red Hat, IBM? Saßen bei der Mondlandung der NASA die schönsten Menschen im Kontrollzentrum als Apollo 11 auf dem Mond landete? Nein, da saßen keine Models. Models hätten Apollo 13 nicht sicher zurück zur Erde gebracht.

Ich möchte einem Model nicht zu nahe treten. Sehr viele Models haben eine sehr hohe Intelligenz, denn sie wissen wie man sich am besten (und am leichtesten) anderen Menschen präsentiert, damit sie ihnen nachrennen und nur die Optik im Kopf haben.

Persönlich würde ich sagen, all die einbißchen auf sich halten, stellen das System, in dem wir leben, infrage, wollen die anderen, die wie Lemminge anderen nachrennen, doch mal zum Denken anregen.

Wenn ich zu meinen Open Source Konferenzen unterwegs bin, da läuft keiner der klugen Programmierer in Anzügen herum. Nein, Jeans oder kurze Hose, 08/15 T-Shirt.

Warum muss einer, der Mondgestein in Schutzanzügen, hermetisch abgeriegelt 8 Stunden am Tag arbeitet, ein super tolles Bewerbungsfoto haben? Warum? Die tägliche Arbeit sieht anders aus. Warum machen wir so einen Zirkus in Deutschland und zum Teil auch in Europa? Warum?

Der deutsche Handwerksmeister interessiert nur was der Bewerber kann, also sprich die Wasserleitung beim Kunden reparieren. Was ist besser ein Model dahin zu schicken, das womöglich alles unter Wasser setzt oder einer der nicht so super aussieht, der vielleicht ein 08/15 Foto geschickt hat, aber innerhalb von 30 Minuten den Schaden repariert hat?

Das Gleiche gilt auch für die IT. Die muss laufen und wenn wir weiter kommen wollen und nicht nur auf der Stelle bleiben wollen (auf der Stelle bleiben heißt in der IT, dass es Rückschritte gibt. Also während wir stehenbleiben, werden andere Nationen besser).

Vielleicht kann mir ein Personaler, ein Recruiter das mal erklären, warum wir uns so sehr auf Oberflächlichkeiten im Bewerbungsverfahren als erstes Auswahlverfahren für einen professionellen Job entwickelt haben? Das muss doch einen Ursprung haben. Wollte man die schönsten Menschen um sich herum haben?