Dem Bahnchaos entgehen

Ich habe seit gestern mein Fahrrad wieder zurück und ich bin heilfroh. Ja, für die einen ist das Smartphone das heiligste, für mich mein Fahrrad. Ich bin jetzt zu Rosenmontag und Veilchendienstag nur mit dem öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren.

Auf dem Rückweg habe ich im Essener HBF 7 Minuten Umsteigezeit. Das heißt der Zug soll um 20.42 Uhr in Essen ankommen und um 20.49 Uhr fährt die Linie 107 Richtung Stoppenberg. Im Idealfall ist das vollkommen ausreichend.

Die Bahn hat das bis gestern kein einziges Mal geschafft, pünktlich zu fahren. Haben die Züge wochenlang immer in Mülheim-West anhalten müssen, müssen sie jetzt immer vor dem Essener HBF halt, so in der Höhe des Bahnbetriebswerk und immer dauert die Anhalteaktion ungefähr 5 Minuten. Und dann kommen die Züge nicht auf Gleis 4/6 an, sondern immer auf Gleis 1 (wer denkt sich das wieder einmal aus). Ich sehe keine Bauzüge, es sind mir keine Weichenarbeiten bekannt (die erst nächste Woche stattfinden sollen). Wahrscheinlich aus Jux wird dann da gehalten.

Also rennt man von Gleis 1 quer durch den ganzen Bahnhof bis ans andere Ende, um dann noch zwei Etagen tiefer zur Straßenbahn zu kommen. Auch wenn in den Zügen des RE2 die örtlichen öffentlichen Verkehrsmittel angezeigt werden (für Duisburg und Essen sehe ich das, in Mülheim scheint es für die Bahn keine Linie 901, U18, 102 zu geben), so ist das der Bahn nicht bewusst, dass es Umsteiger gibt. Wenn ich die Linie 107 um 20.49 Uhr nicht erreiche muss ich 15 Minuten länger einplanen.

Am Montag war das der Fall, als der Zug allerdings erst um 20.52 Uhr im Essener HBF ankam, als man noch einen troddelig langsamen IC vorbei lassen musste. Der IC kam mit Verspätung in den Duisburger HBF an und durfte den als erster verlassen. Wer zu spät kommt, darf als erster gehen. Auf der Arbeit gilt diese Divese leider nicht.

Meine Arbeitskollegen haben das mal zurecht angemerkt. In den Regionalzügen, wo die meisten Menschen fahren, die müssen warten auf Züge, wo relativ wenige damit fahren.

Gestern hatte ich mein Rad dabei, wo es mr danach egal war.

Für mich ist das ein tägliches Chaos was die Bahn da immer veranstaltet. Die Kunden haben hier nichts zu sagen, denn die Bahn hat auch noch ihre eigene Rechtewelt aufgebaut. Ich beschwere mich nicht mehr, denn das würden die Mitarbeiter des dortigen Callcenters, mit Sicherheit eines Drittanbieters, nicht verstehen. Offiziell wird den Menschen Verständnis gezeigt, aber wegen dem undurchdringlichen Paragrafenurwalt der Deutschen Bahn AG ab wann man Anspruch auf Rückerstattung erhält, wird dieser immer abgelehnt.

Derzeit wird sich in den Medien über den baldigen kostenlosen ÖPNV künstlich aufgeregt. Der Vorschlag kam ja mal von der Piratenpartei, die für mich immer noch als einzige Partei wählbar sind – aus meiner Sicht.

Gestern im Tagesgespräch auf WDR5 geisterten zwei Städte umher, Essen und Bonn. Dem Kölner Sender war natürlich Bonn mehr erwähnenswert als Essen, denn das ja das superentfernte Ruhrgebiet; für sehr viele Kölner eine unbekannte Gegend (im tiefen NRW-Ruhrgebiets-Urwald). Nach dem WDR hätten am liebsten Düsseldorf und Köln ausgewählt werden müssen.

Die Idee ist gut, aber um es ganz kostenlos zu machen, wäre mir auch ein Schritt zu weit. Vergünstigt gerne, aber nicht kostenlos. Die Befürchtung von den Medien ist, dass für die Kommunen zu teuer wäre (breite Stadtstraßen zu bauen und zu unterhalten ist auch teuer, aber da ja alle der Autolobby brav zur Seite stehen, verwundert mich das nicht mehr) und dass plötzlich alle die Busse und Bahnen stürmen würden und alles wäre überfüllt, kann ich nicht so bestätigen, denn die Busse und Bahnen sind jetzt schon maßlos überfüll.

Glücklicherweise war am Anfang des Tagesgespräch eine ehemaliger VRR (Verkehrsverbund Rhein-Ruhr mit Sitz in Gelsenkirchen, gegründet am 01.01.1980)-Mitarbeiter in der Telefonleitung. Dieser sagte zurecht und was auch so sehe, die Verkehrsbetriebe und somit die Städte haben den ÖPNV sträftlich vernachlässigt. Klar hat man hier in Essen bei der noch jungen Ruhrbahn (bzw. des Vorgängers Essener VerkehrsAG gegründet 1954 als Nachfolgeunternehmen der Süddeutschen mit Sitz damals in Darmstadt) den Fuhrpark erneutert, aber die Tunnelanlagen nicht.

Dauerhafter Zankapfel ist die Südstrecke (eröffnet 1986) südlich vom Essener HBF. Hier verkehren meterspurige Straßenbahnen (Spurweise 1.000 mm) mit normalspurigen U-Bahnen (1.435 mm wie bei der Deutschen Bahn AG auch), zusammen. Die U-Bahnwagen von der Firma Duewag M80C bzw. die dazu später gekauften Docklands aus London kommen langsam in die Jahre und die Ersatzteile werden rar. Man denkt über eine Umspurierung auf Meterspur nach. Finanzieller Aufwand ist vergleichsweise gering, wenn man bedenkt, dass das Straßenbahnnetz um ein vielfaches größer ist, als das der U-Bahn.

Man darf abwarten, ob der kostenloser ÖPNV wirklich kommt. Es kann auch nur wieder so eine spontane Aktion von einer Kanzlerin sein, wie nach Fukushima und der spontanen Flüchtlingswelle, die vollkommen unüberlegt ist. Leider kann man das von der amtierenden Regierungschefin auch nicht anders erwarten.

Ich habe gerade aus dem Fenster geschaut. Es schneit heftig. Als Radfahrer muss ich wohl wieder auf das Rad heute verzichten und mich in das Dauerchaos Deutsche Bahn stürzen (ob die schon ihren Betrieb für den ganzen Tag wieder eingestellt hat? Sicherheit geht auch bei Schneefall vor, besonders wenn er im Winter stattfindet). Autofahrer meinen aber trotzdem fahren zu müssen und regen sich auf die langsamen Autofahrer so lange auf, bis sie mit überhöhter Geschwindigkeit einen Unfall bauen, weil sie nicht mehr genug bremsen können, weil es zu rutschig geworden ist. Vielleicht kommt dann die Einsicht, dass es wohl besser gewesen wäre, langsamer zu fahren, aber wahrscheinlich nicht.

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