Ich habe mich überarbeitet

Ich habe mich überarbeitet

Was sich für ein ganz normales Ding anhört, ist in Wahrheit fast einen Burnout bei mir.

Ich bin im telefonischen IT-Support tätig. Für die Mehrzahl der Leute, die das nicht kennen, das ist praktisch ein Callcenter, wo wir IT-Themen bearbeiten.

Wir sind für ungefähr 150 bis 200 Anwendungen zuständig, darunter auch für das gesamte MS Office Paket, Windows 10 (ist weniger geworden) und Windows 11, für die Hardware also Notebook und Handys wie Android und iPhone. Das müssen wir beherrschen.

Ich mache jetzt diesen Job über 3 Jahre, davor habe ich 4 Jahre noch woanders IT-Support mit ähnlichem Umfang gemacht.

Eigentlich bin ich Bürokaufmann, gelernter Bürokaufmann mit normaler IHK-Ausbildung, Berufsschule und Ausbildungsbetrieb. Danach habe ich 15 Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Diese Arbeit hat mir auch ganz großen Spaß gemacht – war für mich die beste Zeit in meinem Leben. Ich möchte auch sehr gerne wieder in diesem Bereich zurück.

Ich bin introvertiert und hochsensibel veranlagt. Das ist so, das werde ich mit meinen aktuellen 46 Jahren auch nicht mehr herausbrechen können. Ich weiß, die meisten Menschen würden das am liebsten bei mir sehen wollen, mich quasi als extrovertierter umpolen, damit ich in den Arbeitsmarkt und die immer noch sehr schrille und bunte Welt hineinpasse könnte.

„In der Ruhe liegt die Kraft.“ – Dieses Sprichwort hat für introvertierte Personen eine ganz besondere Bedeutung.

https://vanilla-mind.de/introvertiert-guide/

Ich kann mich dem nur anschließen.

Unterhalb des Zitats auf dieser Webseite wird beschrieben, woher das kommt. Ich kann nur sagen, meine Mutter und mein Vater waren introvertiert. Ok, bei meinem Vater war das noch ein wenig mehr ausgeprägt. Beide konnten sich stundenlang mit etwas beschäftigen.

Hier wird mal aufgezählt, was die 7 Stärken für Introvertierten (kurz Intros) sind:

Bei mir ist das besonders bei Punkt 1: „Ihre Mitmenschen erschöpfen Sie“ gerade aufgefallen. Das kann ich sagen. Im IT-Support kommt das natürlich vor und Punkt 5 Reizüberflutung ist definitiv im IT-Support. Ständig will jemand was von mir. Entweder die Leute in der Leitung, oder dann noch jemand mit Tickets an, dann schreiben die Anwender ständig über MS Teams an oder sie schicken ihre Tickets zurück. Alles muss man noch doppelt und dreifach erklären. Dann wird das wieder nicht verstanden. Leider kommt dann in Deutschland noch die typische Technikverdrossenheit, wo die Menschen sich nicht mit der Technik auseinandersetzen wollen und natürlich der Gruppenchat ist ständig am Blinken und dann noch Meldungen vom Chef.

Für mich ist das Büro, das Großraumbüro, wohl gemerkt, der reinste Horror. Ich brauche mich, wenn ich einmal dort war, wirklich Tage, um mich zu erholen. Als ich das letzte Mal im Büro, im Großraumbüro, war im März, habe ich eine Stimme einer Kollegin, die keine Telefonate macht, noch tagelang im Kopf.

Das ist ständig, seit 7 Jahren und obwohl ich bereits auf 25 Wochenstunden reduziert habe, sind die vier Tage nicht mehr ausreichend, um mich zu erholen.

Ich habe privat überhaupt kein Radio an. Viele haben ja ein Radio an, damit man was im Hintergrund hört, so dieses Grundrauschen. Das machte mich schon einmal im ersten Job total kirre. Für die Kollegin, die mir gegenüber saß, war das nicht wichtig. Ich mache nur Radio, wenn mir danach ist. Also wenn ich abends mein norwegischen oder estnischen Sender mit Klassik einschalte, dann mache ich das bewusst. Dann mache ich aber auch nach 30 Minuten wieder aus, wenn mir das zu viel wird.

Im Sommer gehe ich zum Schwimmen an den See auch immer nur ganz früh am Morgen. Da ich im Ruhrgebiet nicht direkt an einem See wohne, nein der Baldeneysee ist nur für eine bestimmte Stelle und Uhrzeit mal fürs Schwimmen freigegeben, fahre ich nach Wesel. Also muss ich ganz früh los, meist um 5 Uhr, damit ich um 7 Uhr in Wesel am Auesee bin.

Wenn dann die gefühlten Massen um 10 Uhr oder so herum ankommen, wird mir das von der Lautstärke zu viel und ich verschwinde dann sofort. Also da wo der Tag für viele erst anfängt, hört er bei mir auf, weil ich das nicht ertrage.

Auch als am Frankfurter Flughafen war vor einigen Wochen, war ich nur relativ kurz, so 1,5 Stunden auf der Zuschauerterrasse. Danach fühlte ich auch im Kopf, dass es mir zu viel wurde. Das mit dem Bein im Bericht war nur vorgeschoben.

Privat telefoniere ich ganz selten. Ich muss ja 25 Stunden zwangsweise schon genug sprechen. Das reicht mir für die gesamte restliche Woche. Damit strapaziere ich mich schon ziemlich sehr und ich weiß nicht, wie oft ich mich noch überwinden muss, das zu machen. Ich muss mich immer verstellen, um den Druck, der dort herrscht, anzunehmen.

Mein ganzer Körper, jede einzelne Zelle, sehnt sich nach einer Stelle, wo ich mich nicht verstellen muss, wo ich meine Fähigkeiten auch so zeigen kann wie früher als Bürokaufmann, wo ich eher im Background gearbeitet habe, was mir auch sehr viel Spaß gemacht hat.

Vergangenen Montag war es dann so weit. Sehr hektischer Tag, sehr viele Anrufe und dann auch noch Tickets vom Kollegen bekommen, Tickets sind aus der Fachabteilung zurückgekommen, die mussten auch noch bearbeitet werden und Anwender haben ihr Tickets auch noch an mich zurückgeschickt.

Dann ist das dünne Zahnfleisch endgültig geborsten.

Seit mehreren Monaten habe ich während der Arbeit, außerhalb der Telefonate, zum Teil heftige Wutausbrüche, ich habe bestimmt schon insgesamt 40 Kugelschreiber zerbrochen (keine Ahnung, wie viele ich neu gekauft habe), neben Kugelschreiber mussten auch schon Papiere, Taschentücher, Scheren daran glauben. Natürlich fliegt alles durchs Wohnzimmer und etc..

Danach falle ich in heftige Weinattacken und höre erst nach 10 Minuten auf zu weinen.

Dann wird immer noch gesagt: Ist doch nicht so schlimm, Sven, das bisschen Stress, das wird man noch aushalten oder stell dich nicht so an.

Meine Belastungsgrenze ist längst überschritten. Jeder Mensch ist anders. Nur weil jemand das alles gut aushalten kann, heißt es bei einem anderem nicht, dass er möglicherweise ein Weichei ist. Dann bin ich nun ein Weichei – ist für mich kein Problem als Mann. Denn nur harte Männer machen alles durch.

Dann kommen noch andere an: Ach dann liegt es nur an der Firma. Nein, es liegt eher am Beruf. Klar, es war mein Fehler im Jahre 2016 mich darauf erstmals zu bewerben und 2020 für diese Firma.

Ja ich habe mich sehr oft beworben, aber immer nur Ablehnung, mangelhafte Berufserfahrung in dem Bereich oder dem Bereich, oder ich bin zu alt mit 46 Jahren :-D. Mit 46 ist man in Deutschland zu alt. Man kann darüber nur lachen (eigentlich ist das ein Verhalten, der Glaube zum Weinen, zum Fremdschämen, wie man das anderen Menschen antun kann).

Wie auch mit der Berufserfahrung. Natürlich ist es gut, wenn jemand das schon mal gemacht. Aber irgendwann ist immer das erste Mal. Warum traut man einem Außenstehenden das nicht mehr zu in Deutschland? Warum sind besonders wir Deutschland so mutlos geworden? Warum scheuen wir das Risiko? Warum muss alles 100 %ig sicher sein? Es ist nichts sicher.

Wo und vor allem wann sind wir da in der Gesellschaft falsch abgebogen?

Ich erwarte ja nicht, dass jede Bewerbung funktioniert und früher, so um 2015 herum, hat auch jede 10. wenigstens ein Gespräch gebracht – wahrscheinlich, weil ich auch noch jünger war, weil ich vom Gehalt nicht mehr so viel verlangen konnte. Mit meinen aktuell 46 Jahren könnte ich viel verlangen. Ja muss ich auch, wenn ich mir anschaue, wie die Preise sich überall entwickelt haben. Das muss auch langsam dem grünsten Wähler aufgefallen sein oder leben die alle in einer Blase, wo sie die niedrigsten Preise noch wissen.

Wenn ich vor zwei Jahren Erfolg mit meinen Bewerbungen gehabt hätte, für den kaufmännischen Bereich, würde ich heute nicht diesen Text hier schreiben (müssen). Dann würde ich auch nicht jetzt ein Burnout-Seminar besuchen. Die Bewerbungen wurden aber alle abgelehnt.

Ich weiß, es werden viele wieder achselzuckend das lesen und sagen: „Ist so, musst du so akzeptieren. Wir Deutschen werden uns nicht mehr ändern. Wir Deutschen sind stolz auf dieses Auswahlverfahren bei Bewerbungen, denn das ist der ultimative und in steingemeißelte Weg, den möglichst die gesamte restliche Welt gehen soll, denn am deutschen Wesen muss die Welt genesen. Die anderen Länder müssen dem deutschen Weg folgen.“

Und dann diskutieren die Deutschen auch noch ein griechisches Modell, wo die freiwillig auf 6 Tage pro Woche erhöhen können. Der Deutsche sagt dann auch noch: „Oh Klasse, müssen wir auch in Deutschland einführen, aber dann zwangsweise für alle Deutschen, denn dann haben wir wieder den absoluten Wohlstand und natürlich auch bis mindestens 80 oder 90 Jahren arbeiten“. Weil Rente ist ja ganz schlimm, die ganzen faulen Menschen, die bislang nur 45 Jahre gearbeitet haben, liegen ganz faul am Pool auf den Malediven und lassen sich das Leben genießen.

Wer 6 Tage fordert für Deutschland als Zwang und Rente erst mit 75 oder 80, der muss dann Burnout als offizielle Krankheit akzeptieren. Aber die ein Burnout haben, das sind nur ganz faule.

In Deutschland ist man top, wenn man den ganzen Tag lang schuftet. Dann bekommt noch eine Belohnung. Alle anderen, die halbtags arbeiten, sind die ganz faulen in der Gesellschaft. Am liebsten wäre für die Deutschen, Teilzeit zu verbieten, keine Feiertage mehr zu haben und möglichst auch keinen Urlaub.

Stellt jetzt mal einen Callcenter-Agent vor, der 6 Tage à 8 Stunden arbeitet bis zu einem 80. Lebensjahr. Und wenn wechseln möchte, weil ihm das zu anstrengend geworden ist, dann wird ihm das verwehrt, weil er in anderem Bereichen keine Berufserfahrung hat.

Die Alternative, die ich schon länger im Augen habe, ist die Auswanderung, mit der Hoffnung, dass irgendwo auf diesem Planeten noch Ländern gibt, die das noch lockerer sehen, als das verkrampfte Denken eines Deutschen.

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