Warum meinen viele, dass Vorstellungsgespräche nur eine einseitige Präsentationsveranstaltung ist?

12. Dezember 2020 Aus Von elsenorweb

Ich hatte jetzt zwei Vorstellungsgespräche, online, via Videokonferenztools. Vorneweg ist es schon gut, dass so viele Firmen dazu übergehen, so etwas in einer solchen Zeit anzubieten. Das freut mich, denn es spart für den Bewerber die Fahrtkosten (dabei sind nicht nur die finanziellen Kosten gemeint, sondern auch die nervlichen Kosten – wegen Stau oder Verspätung, oder Schneematsch im Winter).

Alle Firmenvertreter und besonders alle Bewerbungsratgeber sehen das Vorstellungsgespräch als einseitige „Verkaufsveranstaltung“ des Bewerbers. Der Bewerber muss sich ganz teuer in allen seinen Vorzügen verkaufen. So war das in den analogen Zeiten. Wenn man Glück hatte, konnte man einen Einblick ins Büro haschen, wo man später sitzen wird, selbst wenn man gefragt hat.

Ein Vorstellungsgespräch ist aber auch eine sehr gekünstelte Veranstaltung, denn sie ist sehr einseitig (nach meinem Gefühl). Die Firmen erwarten eine Präsentation vom Bewerber.

Nun wird per Videokonferenztool die Personalauswahl gestaltet. Es wird aber die Technik nicht ausgenutzt. Wir wissen, dass die Videokonferenztools doch in der Lage sind, neben dem eigentlichen Gespräch, auch eine Präsentation ablaufen zu lassen.

Was spricht also dagegen, im Gespräch, dass die Firma mir noch einmal konkret sich präsentiert, und zwar nicht die Firma, denn das habe ich ja schon online im Internet gesehen, sondern konkret meinen Arbeitsplatz?

Hier ist alles denkbar, einige „langweilige“ Powerpoint Folien oder ganz kurze Videos (wie gesagt vom Arbeitsplatz – besonders in der IT ist das interessant, vielleicht von der Betriebskantine, von einem Pausenplatz oder weiß der Kuckuck was).

Auch die Firma muss die Karotte immer noch aushängen, damit der Bewerber zubeißen soll.

In der Vergangenheit konnte man einem viel erzählen und in den Karriereseiten wandelt es so langsam auch. Aber die Karriereseiten sind öffentlich. Das Vorstellungsgespräch ist privat.

Aus meiner Sicht, wenn man bis ins Vorstellungsgespräch geschafft hat, dann muss sich die Firma auch noch einmal ins Zeug legen und nicht nur einige Fakten herunterleiern, so nach dem Motto, der Bewerber will ja eh bei uns anfangen, denn er hat ja uns angeschrieben.

Liebe Firmenvertreter: Wisst ihr wie viele Betriebe zum Beispiel IT Level 1 Support anbieten? Schaut mal in die Stellenanzeigenbörsen. Das seid nicht nur ihr. Das sind hunderte in Deutschland, wenn nicht gar mehr.

Wie sagte Henrik Zaborowski in einem seiner YouTube von 2015: „Der Bewerber hat maximal Interesse nach weiteren Gesprächen“.

Genau, das ist das Problem für uns Bewerber. Alle Stellenanzeigen klingen auch in diesem Bereich gleich oder sehr ähnlich. Dann wird man eingeladen und man bekommt vielleicht noch einige weitere zusätzliche Informationen, aber kurz und knapp. Das meiste erfährt man dann erst beim Onboarding-Prozess.

Jetzt mit den Videokonferenztools kann man diese Informationen auch noch plastisch darstellen. Also noch einmal: „das ist ihr Arbeitsplatz (da muss kein Mensch sitzen – also wenn der Kollege nicht möchte, wenn er möchte, kann er auch auf das Foto, ein einfacher Stuhl und Tisch und das Equipment reicht), das ist unsere Kantine, hier haben wir Fahrradständer für Ihr Fahrrad oder das ist unsere Produktionshalle“. Dann kann ich als Bewerber nachfragen der Firmenvertreter kann noch einmal explizit darauf eingehen. Wenn der Bewerber Interesse zeigt, wenn die Fotos oder das kurze Video gesehen hat, da kann man sich als Firmenvertreter sicher sein, dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass er für uns entscheidet, wenn sich die Firma für den Bewerber entscheidet.

Merksatz für Firmen: Auch im Vorstellungsgespräch muss sich die Firma noch einmal ins Zeug legen und sich präsentieren, denn schließlich hat man den Bewerber eingeladen.