Die Angst vor überfüllten Zügen im Sommer

21. Mai 2022 Aus Von elsenorweb

Die Deutschen haben neben dem Krieg in der Ukraine eine neue Angst entdeckt. Die Angst vor überfüllten Zügen wegen dem 9 Euro Ticket. Aber diese Angst haben sie selber verschuldet.

Die Leute, die heutzutage Angst vor überfüllten Zügen haben, haben in den 60/70/80er Jahre des letzten Jahrhunderts und sind scharenweise vom ÖPNV ins Auto umgestiegen.

Hat man wirklich ernsthaft geglaubt, dass die ganzen Züge wirklich leer jahrzehntelang leer durch die Gegend fahren, nur damit man bei einer Aktion von drei Monaten, sie alle zu Verfügung stehen? Nein, die Bahn hat kräftig abgebaut. Seit der Bahnreform 1994 wurden über 5.147 km Schiene abgebaut.

Hier eine Übersicht in der Wikipedia über alle Strecken (die Links zu den einzelnen Bundesländern findet sich weiter unten auf der Seite). 15.000 km (PDF-Datei) Schiene wurden aufgegeben.

Das ist so gewollt worden, denn wenn sie alle brav Auto fahren, dann braucht man auch keine Schiene mehr. Ich glaube nicht, dass es eine Liste von aufgegebenen Straßenbahnen oder gar Bussen gibt (nur für Essen habe ich auf meinen Webseiten so eine Übersicht erstellt, wobei das nur ein Ausschnitt mir bekannter Linien ist).

Jüngstes Beispiel die Linie 110 in Mülheim, die bis zum Flughafen Essen/Mülheim fuhr. Die Gleise sind inzwischen abgebaut. Es geht nur um Kosten bzw. wie das Verkehrsmittel genutzt wird.

Aber es gab nicht nur Stilllegungen, sondern auch einige Neubauten. In Essen/Mülheim kaum bis eigentlich gar nicht (nur die Linie 109 erhielt 2014 einen neuen Linienweg (Beitrag ist aus meinem Blog)), ansonsten gab es eigentlich nur Abbau. Seit langem plant man den oberirdischen Neubau der Straßenbahn am Essener HBF, die so genannte CityBahn.

Die Linie 310 in Bochum hat man sinnvollerweise nach Bochum-Langendreer Zentrum verlegt, die dann weiter nach Witten fährt. Früher fuhr die Linie südlich am Zentrum von Langendreer vorbei. Die Linie 302, die in Bochum Laer ihren Endpunkt hatte, fährt bis Bochum-Langendreer weiter und endet dort. Zusätzlich gibt es noch die Linie 309 von Langendreer nach Witten.

Das sind aber eher kleinere Projekte von der Länge betrachtet.

Auch in der Stadt werden Projekte abgesagt wie zum Beispiel 2015, die Verlängerung der Linie 105 nach Oberhausen. Beitrag aus meinem Blog der „damaligen“ Zeit.

Aber ich bin nun abgeschweift zum innerstädtischen Verkehr.

Auf dieser Wikipedia-Seite listet sie die langlaufenden Regional-Express-Linien auf. Hier muss man aufpassen, denn es werden auch ehemalige Linien genannt. Um bestimmtes zu finden, immer STRG+F benutzen, dann wird auf der Webseite das Suchfenster geöffnet und die Wörter werden markiert.

Ich würde immer einen solchen langlaufenden Regional-Express nehmen, damit nicht so oft umsteigen braucht.

Allerdings der IRE (Interregio Express) Berlin-Hamburg verkehrt seit dem letzten Fahrplanwechsel 2021 nicht mehr. Die Linie galt, obwohl sie kaum hielt und ihre Länge, zum Nahverkehr. Es gab wohl einen Brief, dass man wie üblich in Deutschland, die Angst auf dem Land vergessen zu werden. Die andere Frage ist immer, wie viele Personen fahren auf dem Land wirklich mit dem ÖPNV? Oder anders ausgedrückt, wie viele Personen fuhren früher auf dem Land mit dem ÖPNV? Wenn ich mir Serien und Filme aus den 60er/70er/80er Jahren anschaue, dann sind die Bahnhöfe in den ländlichen Gemeinden nicht besonders voll (ok im Film ist ja vieles anders als in der Realität), aber auch bei den Fahrplänen entdecke ich vielleicht einen oder zwei Züge am Tag.

Aus Quellen des statischen Bundesamtes (hier eine PDF-Datei) hatte Deutschland in 1960 ungefähr 73.1 Millionen Einwohner, 1970 78,1 Millionen und im Jahre 2020 waren es 83,1 Millionen Einwohner.

Wir haben in Deutschland überall Taktverkehr, einmal in der Stunde oder alle zwei Stunden mit modernen Zügen. Es gibt hier ein Kursbuch von 1956 (in Ausschnitten). Also einen Taktverkehr sehe ich nur auf den S-Bahnlinien in Hamburg, ansonsten sehe ich keinen Taktverkehr.

Ich frage mich, wenn es die frühere Vielfalt an Linien (dazu auch das Kurs von 1956 anschauen, da gibt es einige Übersichtskarten von Zugverbindungen für einige Regionen) und dazu einen Taktfahrplan gegeben hätte und vielleicht auch schon Verkehrsverbünde, hätten die Menschen dann auch das Auto genommen oder wären sie beim ÖPNV geblieben?

Hier ist eine Übersicht über aller aktuell in Deutschland existierenden Verkehrsverbünde und Verkehrsgemeinschaften. Nur Berlin/Brandenburg und das Saarland (die Stadtstaaten mal ausgenommen) haben nur einen Verkehrsverbund pro Bundesland. Schaut man sich Baden-Württemberg an. Da kann es als NRW’ler nur schwindelig werden.

Wir haben Verkehrsgemeinschaften, wo man nicht mit der Bahn fahren kann. Das heißt: Die Fahrkarten gelten nicht in den Zügen der Deutschen Bahn AG. Das ist auf dem Land unattraktiv und es wird oftmals unnötiger Busverkehr parallel geführt. In Niedersachsen könnten zum Beispiel die Verkehrsgemeinschaften im Emsland, Cloppenburg, Ems-Jade und Osnabrück zum Beispiel in den Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen übernommen werden.

Ich hatte in meinem Blog am 28.07.2020 schon mal angeregt, die Städte Isselburg, Bocholt, Rhede und Borken in den VRR zu integrieren. Bocholt und Borken kann man jetzt schon mit dem VRR-Tarif ein und ausfahren (mache ich sehr oft sehr gerne), aber innerorts gilt der Westfalentarif. Dem VRR hatte ich mal danach gefragt, aber leider eine negative Antwort erhalten. Bocholt kann man mit dem RE19 seit Dezember 2021 direkt ohne umsteigen wie bisher in Wesel nach Düsseldorf fahren und umgekehrt. Borken ist mit dem RE14 von Essen-Steele zu erreichen. Von Bocholt und Borken konnte man mal bis Winterswijk fahren, aber das war vor dem Zweiten Weltkrieg.

Zum Schluss des Beitrags sei noch gesagt: 9 Euro sind billig, aber ist nur ein Ticket von Nöten. Keinerlei merken von Tarifen der einzelnen Verkehrsverbünde und etc… Selbst das Quer-durch-das-Land Ticket gilt nicht in jedem Verkehrsverbund. Aber mit dem 9 Euro Ticket schon.

Mensch, Leute einmal stressfrei durch Deutschland reisen, das kann man jetzt machen. Wenn man so ganz locker mal 100 Milliarden für die Bundeswehr ausgeben kann (darüber hat sich niemand aufgeregt), kann man auch 2,5 Milliarden für den ÖPNV ausgeben.

Die Niederländer kennen keine Tarife mehr wie wir. Die haben ihre OV-Chipkaart und fahren damit natürlich nicht für 9 Euro, sondern es wird Kilometer ungefähr abgerechnet. Warum ungefähr, weil der Hinweg kann etwas teurer sein als der Rückweg, weil es leider die physikalischen Eigenschaften einer Kurve gibt. Die rechts innere Kurve kann etwas kürzer sein und damit günstiger als rechts äußere Kurve, dementsprechend gibt zwei verschiedene Entfernungen. Aber das sind pillepalle Diskussionen, aber wie ich die Deutschen kenne sich da wieder stark benachteiligt fühlen würden, wenn so etwas wie die OV-Chipkaart auch in Deutschland eingeführt werden würde.

Die personalisierte OV-Chipkaart ist mit dem eigenen Bankkonto verbunden. Ich weiß, der Deutsche hat wieder Angst wegen seinen Daten.

Aber in Deutschland, hier im VRR, wird das mit der Ticketart VRRnext schon erprobt. Eigentlich überflüssig nur für den VRR zu machen, sondern es müsste wie das 9-Euro Ticket auch für ganz Deutschland gelten.

Das blöde ist in Deutschland ist, man muss sehr vielen Menschen, die leider in ihren sehr verkrusteten, altmodischen und bequemen („das haben wir immer so gemacht“) Denken steckengeblieben sind, sehr viel Überzeugungsarbeit machen. Nach meinem Gefühl haben 98 % der Deutschen dieses Denken.

Vielleicht hört dann endlich das Kirchturmdenken auf, dass die Busse nicht mehr an der Stadtgrenze halt machen, was sie hier im Ruhrgebiet noch sehr machen kann (leider) – nicht alle Linien, aber größtenteils schon.