Tallinn – Fazit

Tallinn – Fazit

Ich wollte das Fazit erst einen Tag nach meiner Ankunft schreiben.

Also es war wirklich sehr schön. Man soll das nicht richtig glauben. Nein, ich bin kein Freund von Ost-Nostalgie (aber auch kein von West-Nostalgie). Tallinn ist eine moderne Stadt aus meiner Sicht, die man vielleicht auf dem ersten Blick nicht so richtig sieht und die sehr viel dem Westen zeigen könnte, wie es geht.

Frischluft:

Ich hatte die breiten Straßen schon angedeutet in meinen Berichten. Das sind Frischluftschneisen. Der Wind kann da richtig zirkulieren (auch im Winter). In Westdeutschland gibt es solche breiten Straßen nicht. Die Niederlande machen es auch vor, wie man die Luft in die Städte wieder bekommt. Natürlich ist das ein deutsches Versäumnis von städtlich baulicher Herangehensweise in der Vergangenheit. Aber statt, das nun endlich zu erkennen, wird bei uns weiter künstlich verdichtet.

Tallinn ist ausgesprochen grün. Ich wohne hier in Essen, aber so viele andere Städte im Ruhrgebiet und selbst außerhalb des Ruhrgebiets haben kein Grün in der Innenstadt. Ich rede jetzt nicht vom eigentlich Zentrum oder der Altstadt. Die Essener Innenstadt ist eine Asphaltwüste. Es gibt so was wie eine Parkanlage und das ist der Stadtgarten, aus meiner Sicht weit außerhalb des Stadtkerns. Da läuft man nicht eben mal hin.

In Tallin gab es um den Altstadtkern hinweg eine Grünanlage nach der anderen (vielleicht war es auch nur eine). Viele Bäume, die einem Schatten spenden, wenn es mal der einige wenigen heißen Tage bis 26 Grad mal gab. Außerdem ist es ganz schön, wenn man nur wenig gehen muss, und man ist im Grünen.

Aber selbst außerhalb des eigentlichen Stadtkerns ist viel Grün. Man braucht eigentlich nicht die Stadt verlassen. Bei jedem Sandstrand (und bei den meisten war ich) gab es im direkten Hinterland eine Parkanlage, also eine Parkanlage mit hohen Bäumen. Wenn man Rostock-Warnemünde kennt: Strand, Promenade und dann Häuser. Bäume Fehlanzeige.

Es stehen zum Teil richtig hohe Bäume und einen echten Wald. Selbst wenn man nur das Ticket für Tallinn hat, muss man auf richtigen Wald nicht verzichten oder auf einen Strand. Der Pirita-Strand im Osten der Stadt hat eine ungefähre Länge von 2,3 km und hinter alles Wald.

Topografie:

Es ist dort in Tallinn alles flach. Klar, gibt es mal einen kleinen Hügel, aber verglichen hier mit Essen, war das sehr flach dort. Ideal fürs Fahrrad und auch fürs Joggen. Vielleicht nicht aus diesem Grund, sind sehr viele Tallinner zu Fuß unterwegs, jung und alt. Nein, kein Sport, normaler Alltag.

Radverkehr:

Doch ein hoher Anteil. Die deutsche Eigenheit mit Helm zu fahren, kennen die Esten nicht. Ich habe keinen einzigen Helm gesehen, höchstens bei Rennsportfahrern, aber der normale Alltagsradler hat keinen Helm auf. Das machen die Niederländer auch nicht. Aber Deutsche, der ständige Besserwisser meint, dass seine Vorgehensweise natürlich die 100%ig richtige, dass man beim Radfahren einen Helm tragen muss. Leider hat der Deutsche auch Infrastruktur, wo selbst die Niederländer nicht nur spotten, sondern sehr ratlos sind. In der Rheinischen Post gab es mal einen Artikel, wo ein Niederländer in Düsseldorf zu Gast war mit dem Rad und der war stark irritiert über die deutsche Vorgehensweise. So ausgebaut waren die Radwege in Estaland wie in den Niederlanden auch nicht. Da ist auch noch viel Luft nach oben.

Autoverkehr:

Ich habe noch nie so zahme Autofahrer wie in Estland erlebt. Die zeigen das gleiche Verhalten, weil durch hohe Geldbußen gesteuert, wie in den Niederlanden. Lieber einmal zu anhalten, dass ein Fußgänger die Straße überqueren konnte, als zu wenig. In Deutschland muss man ständig überlegen, hält er überhaupt an. Deutsche Autofahrer sind da sehr rigoros und oftmals unverschämt, selbst am Zebrastreifen.

Die großen breiten Straßen die ich am erwähnte. Da gab es einen Zebrastreifen (in der Innenstadt an der Haltestelle Viru). Also zwei Fahrstreifen Auto, dann kommen die Straßenbahnschienen und dann noch zwei Fahrstreifen. Ich habe mich in ersten Tagen nicht rüber getraut, weil ich in deutsche Verhältnissen gedacht hatte. Aber nein, die Autofahrer, die Straßenbahn, die Busfahrer halten dort an, wenn man die Straße überqueren möchte.

Busverkehr (ÖPNV):

In Tallinn recht hohe Taktzahlen. Viele Linien, die sich überschneiden – vielleicht würde man aus deutscher Sicht sagen, da wäre zu teuer. Um den Takt verdichten gab es Verstärkerlinien wie zu der Hauptlinie 21, noch 21A, 21B oder 41 -> 41A, etc…

Busse fahren in alle Stadtteile. Der Busfahrer verkauft keine Fahrscheine. Entweder man kauft die Fahrkarte am Kiosk, was ich getan hatte oder online.

Es gab auch keine Fahrkartenautomaten in Tallinn – keinen einzigen gesehen. Das für den Deutschen bevorzugte Medium Papierfahrschein gibt es dort nicht. Klar, die Älteren mussten sich anpassen, aber wahrscheinlich haben sie in der Vergangenheit angepasst. Dadurch, dass der Busfahrer keine Fahrkarten mehr verkauft hatte, hielt er sich damit auch nicht mehr auf. In den Niederlanden machen sie inzwischen genauso.

Neben den Stadtbuslinien gibt es noch zahlreiche Überlandbuslinien, die ich aber nie benutzt hatte, weil ich sie einfach nicht brauchte.

Man kann überall in den Bus einsteigen, vorne, in der Mitte, hinten. Kein Problem in Tallinn.

Natürlich gibt es in Tallinn auch Gelenkbusse, die auf den Linien 1 und 34 immer fuhren.

Straßenbahn (ÖPNV):

Durch die vielen Baustellen in der Stadtmitte gab es eine temporäre Linie 6 von Kopli nach Tondi. Die Straßenbahn fuhr von Kopli bis Viru auf eigenen Bahnkörper. Das ist eine Strecke von ungefähr 6 km. Danach nur in der Straßenmitte von diesen breiten Straßen, um dann wieder auf eigenen Bahnkörper bis Tondi zu fahren.

Manchmal fuhren zwei Bahnen im Abstand von 2 Minuten hintereinander, dann wieder ein größerer Abstand.

Überfüllte Bahnen (oder Busse) nur ganz ganz ganz selten – höchstens zu den Stoßzeiten. Man bekommt eigentlich immer einen Sitzplatz.

In den Bahnen immer üblich, in den Bussen nur zeitweilig die Haltestellenansage. Es wird die kommende Haltestelle angesagt und im gleichen Atemzug, die übernächste. Also als Beispiel: Linie 6 von Kopli nach Tondi (also von Nord nach Süd). „Kosmos“ und zwei Wörter auf estnisch „Vineeri“. Was da auf Estnisch gesagt worden ist, weiß ich nicht, aber ich vermute irgendwas mit übernächster Haltestelle…. Also der Fahrgast kennt die nächste Haltestelle und die übernächste. Ich habe das System erst am dritten Tag verstanden. Ja, es gibt auch elektronische Haltestellenanzeigen in den Bahnen (und Bussen – aber hier nur zum Teil, weil auch noch ältere Modelle durch die Straßen rollten).

Fahrpreis (ÖPNV):

30 Tage = 30 Euro im gesamten Stadtgebiet von Tallinn. Neben den Tageslinien gibt es zumindest in der Sommerzeit noch Nachtbuslinien, die an Wochenenden speziell von 0 Uhr bis 3 Uhr fuhren.

5 Tage = 11 Euro – nur so mal als Beispiel.

Wie schon geschrieben, keine Fahrkartenautomaten, kein Papierfahrschein, entweder online auf dem Handy oder per Chipkarte, die man immer wieder aufladen kann – in jedem Kiosk oder Postagentur.

Wenn man in die Bahn/Bus rein kommt, die Chipkarte vor den orange farbenden Automaten halten, dann wird sie in der Regel erkannt. Kontrolleure habe ich keine erlebt.

Stadtbild:

Kein Müll oder nicht so viel. Für mich ist Essen oftmals besonders am HBF eine Müllhalde. Hier in Deutschland bzw. in Ballungszentren wird der Müll achtlos auf die Straße geschmissen – einer wird es schon aufheben. In Tallinn keine einzige Glasscherbe gesehen. Entweder haben die so eine gute Stadtreinigung, die nachts alles blitze blank macht, oder die Esten achten mehr darauf – ob nun von Natur aus oder wegen Geldstrafen (das weiß ich nicht).

Menschenschlag:

Zurückhaltend, aber trotzdem sehr nett. Ich hatte mich mit einer Frau an einer Haltestelle unterhalten. Nach dem anfänglichem Smalltalk auch mehr Fragen möglich. Sie fragte mich und ich sie (woher sie herkäme – aus Tartu eine Stadt im Süden) und dass sie auch gerne in die kalte Ostsee schwimmen gehen würde und etc etc.. Dabei haben wir nur auf den Bus gewartet, der in den nächsten 5 Minuten kam.

Elektrizität:

Ganz normaler Anschluss wie in Deutschland auch, gleiche Spannung, gleiches Ampere und auch die gleiche Steckdosenform. Da muss man sich keine Sorgen machen.

Was nicht so schön war:

Abgesenkte Bordsteine gibt es nicht so viele, besonders in Nebenstraße nicht. Daran arbeiten die Esten noch.

Mein Fazit:

Sehr lebenswert. Mieten recht teuer würde ich sagen. Was ich so im Internet gesehen hatte, waren 600 bis 1.200 Euro die Normalität – natürlich wie immer je nach Wohnlage und Größe.

Also wenn man nach Estland auswandert, muss man nur die Sprache lernen und ich denke, das wird zwar nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.

Was das mit Russland angeht, so muss man als Deutscher es akzeptieren, dass in Estland sehr viele Russen leben und dass es halt immer noch Verbindungen mit Bus oder Schiff nach Russland existieren. Alles ist in Estnisch ausgeschildert und bei den restlichen Schildern (keine Verkehrszeichen) in drei Sprachen Estnisch, Englisch und Russisch. In den Läden werden nach wie vor russische Zeitungen verkauft (ob die nun in Estland produziert werden oder importiert werden, weiß ich nicht). Wer als Deutscher ein Problem mit Russland (also Politik und Bevölkerung) hat, sollte derzeit nicht nach Estland reisen.

Ich habe wie mal geschrieben, nur mit dem Typen im Kreml ein Problem, aber mit keinem Russen – warum auch? Es hat mir keiner etwas getan und wenn es nur einer war, gilt das auch nicht für die restliche Bevölkerung.

Was noch wichtig ist:

Die Sonne ist hier um 4 Uhr morgens aufgegangen, trotz Sommerzeit und abends um 22.30 Uhr unter gegangen. Tallinn liegt schon sehr weit nördlicher als Deutschland, wo die Zeiten anders sind. Das heißt es war nie richtig Nacht. Im Winter hatte ich mal geschaut mit der Normalzeit würde sie um 9.19 Uhr auf gehen und um 15.30 Uhr untergehen. Im Gegensatz zu Westdeutschland nur eine Stunde morgens und nachmittags weniger.

Im Winter können es bis zu -10 Grad kalt werden und soweit ich das im Februar mitbekommen habe, auch viel Schnee und trotzdem bricht da nicht wie in Deutschland sofort der gesamte Verkehr ein.

Öffentliches Trinkwasser gab es auch. Das Leitungswasser ist gechlort. Ich habe es getrunken. Ich habe damit kein Problem. Wer damit ein Problem hat, ab in den Supermarkt.

Öffnungszeiten Supermarkt:

7 Tage in der Woche von meist 7.30 Uhr bis 22 Uhr zum Teil auch bis 23 Uhr. Auch viele andere Geschäfte haben am Sonntag geöffnet.

Bezahlung:

Meist nur mit Karte, aber Bargeld ist auch noch möglich.

Aus meiner Sicht:

Ja Estland bzw. Tallinn wäre was für mich zum Leben. Temperaturen um die +20 / + 22 Grad im Sommer, aber auch viel Regen und nicht nur einwenig, sondern gleich immer Regenschauer.

Ich würde beim nächsten Urlaub eher in Tartu oder Pärnu sein, um den Süden des Landes kennenzulernen oder eine der Inseln.

Estland hat auch sehr viele Inseln. Also ein Inselleben mit Fluganbindung von Kuressaare nach Tallinn wäre möglich. Mal schauen was sich so entwickelt.

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